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Friedens- und Zukunftswerkstatt e.V.

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Redebeitrag von Werner Ruf am 15.11.2020

Die Aufbruchstimmung, die der Krefelder Appell Anfang der 80er Jahre bewirkte, war einzigartig. Die Mobilisierung von Hunderttausenden Menschen auf Demonstrationen, die über vier Millionen Unterschriften – all das gab es weder davor noch danach. Doch ist die Friedensbewegung, wie oft gesagt wird, seither tot? Warum geraten jene 500.000 Demonstranten in Berlin (und 12 Mio. weltweit) so schnell in Vergessenheit, die 2003 gegen den mit einer infamen Lüge begründeten Krieg gegen den Irak protestierten?
Nein ganz offenkundig ist die Friedensbewegung noch da, und sie ist lebendig! Der Krefelder Appell hatte nicht nur zu einer bis dahin einmaligen Mobilisierung der Zivilgesellschaft geführt, er hatte das Thema Frieden und die Erinnerung an die zwei von Deutschland vom Zaun gebrochenen Weltkriege tief im Bewusstsein der Menschen verankert. Nicht umsonst ist noch immer die übergroße Mehrheit der Deutschen gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Der Krefelder Appell hatte Menschen zusammengebracht, sie vernetzt, zahllose lokale Friedensgroppen hatten sich gegründet und sie haben republikweit weitergearbeitet. In vielen Städten, ich möchte hier nur Hamburg, Bremen, Essen, Aachen, Nürnberg, München nennen, blieb die Friedensarbeit lebendig – von der Vielzahl der anderen aktiven örtlichen Friedensorganisationen ganz zu schweigen.
Die zahlreichen Initiativen und bestehenden Netzwerke mussten auch organisatorisch am Leben erhalten werden, sollte die inhaltliche Arbeit der Friedensbewegung weitergehen. Das galt mit gutem Grund erst recht für die Zeit nach dem Beitritt der DDR zur BRD. Ein Kristallisationspunkt dieser Arbeit war der erstmals 1993 und seitdem jährlich in Kassel abgehaltene Friedensratschlag, den das organisatorische Genie Peter Strutynski bis zu seinem viel zu frühen Tod auf die Beine stellen half. Der Friedensratschlag ist der große Treffpunkt der vielen Friedensinitiativen und jener Teile der Wissenschaft geworden, die sich noch immer dem Gedanken des Friedens und der Abrüstung verpflichtet fühlen. Obwohl die Biologie gegen uns arbeitet und die Teilnehmer/innen älter und auch weniger werden, ist in der Tendenz die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kontinuierlich auf nunmehr annähernd 500 gewachsen. Dieses Jahr wird er – ähnlich wie diese Veranstaltung – in hybrider Form stattfinden müssen.
Aber blickt man auf die Präsenz der Friedensbewegung in Politik und Medien, in der öffentlichen Wahrnehmung, so scheint es, also ob unser Erfolg vor 40 Jahren gegen uns arbeitet: Frieden und Abrüstung scheinen kein Thema mehr zu sein, ja es ist, als ob jener Erfolg, der vor 40 Jahren begann und mit ursächlich ist für Rüstungskontroll- und Abrüstungsverträge wie ein einschläferndes Gift auf die Bevölkerung wirkt, als ob jene Verträge uns allen noch immer eine sichere Zukunft ohne Gewalt, Krieg und Vernichtung sichern würden. Das Gegenteil ist der Fall: Still und ohne öffentliche Beachtung hat die NATO die Zahl ihrer Mitgliedsstaaten von 16 in der Hochzeit des Kalten Krieges auf inzwischen 30 erhöht. Die Neumitglieder waren in ihrer weit überwiegenden Mehrzahl zuvor Mitglieder der Warschauer Vertragsorganisation.
Damit rückte die NATO unmittelbar an die Grenzen Russlands vor. Großmanöver mit mehr als 50.000 Mann und schwerstem Gerät, wie wir sie allenfalls aus Zeiten des Kalten Krieges kannten, finden inzwischen jährlich statt. Großmanöver der Marine sind zur permanenten Einrichtung in der Ostsee und im Schwarzen Meer geworden. Die USA haben ihre Atomkriegsstrategie einer grundlegenden Reform unterzogen: Ein Teil der für ballistische Raketen vorgesehen Sprengköpfe wird umgerüstet zu sogenannten Mini-Nukes, die „nur noch“ die Sprengkraft der Hiroshima-Bombe haben. Diese Umrüstung, die die Atombombe endlich als Gefechtsfeldwaffe einsetzbar erscheinen lässt, steht inzwischen im Zentrum zahlloser politischer und militärischer Studien. Parallel dazu haben die USA einseitig den INF-Vertrag gekündigt, jenen einzigen wirklichen Abrüstungsvertrag, der die Stationierung von Mittelstreckenraketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5.500 km in Europa untersagte! Die noch verbliebenen, wichtigen Rüstungskontrollverträge laufen aus, werden nicht verlängert. Krieg, auch der atomare, wird inzwischen wieder planbar, und er wird wieder denkbar gemacht. Die Bundesluftwaffe übt im Rahmen der atomaren Teilhabe den Einsatz von Atomwaffen, zuletzt vor wenigen Wochen vom Stützpunkt Nörvenich aus.
Dabei wissen wir spätestens seit Immanuel Kant und aus eigener bitterer Erfahrung: Durch Drohung und Abschreckung ist Frieden nicht zu erreichen, dies ist allenfalls der Weg zu immer rasanterem, unsinnigerem und letztliche friedensgefährdenden Wettrüsten. Die Wahrheit ist: Nur wenn der potenzielle Gegner sich sicher fühlen kann, ist die eigene Sicherheit gewährleistet. Die NATO aber pocht auf die „glaubwürdige Abschreckung“ und beharrt auf dem Ersteinsatz von Atomwaffen. Aufrüstung, die Entwicklung von neuen Drohpotenzialen führt aber nur zu mehr Instabilität, zu einem neuen gigantischen Rüstungswettlauf, die zunehmende Digitalisierung führt zu einer Verkürzung der Frühwarnzeiten und der Automatisierung der Entscheidung über Krieg und Frieden – fern jeder politischen und ethischen Verantwortung. Wir haben das gerade von Katrin Vogler gehört. Die US-amerikanischen Wissenschaftler, darunter eine Vielzahl von Nobelpreisträgern, die die „Weltuntergangsuhr“ konstruiert haben, haben gerade deren Zeiger auf hundert Sekunden vor zwölf vorgestellt.
Leben wir, ohne es wissen zu wollen, abermals in einer Vorkriegszeit, die die planetarische Vernichtung möglich erscheinen lässt? Es scheint als wären die Forderungen des Krefelder Appells, der von einem „selbstmörderischen Rüstungswettlauf“ sprach, aktueller denn je. Eindrücklich warnte der Krefelder Appell vor der

… zunehmende(n) Beschleunigung und (den) offenbar konkreter werdende(n) Vorstellungen von der scheinbaren Begrenzbarkeit eines Nuklearkrieges".

Die Kündigung des INF-Vertrags hat die völkerrechtliche Bremse für einen solchen Krieg gelöst. Das kontinentale Europa ist sein Schauplatz. Die Notwendigkeit sichtbaren zivilen Widerstands ist nötiger denn je. Fragen wir – massenhaft – unsere Regierung, warum sie nicht bereit ist, den A-Sperrvertrag zu unterzeichnen.

Kundgebung zum Inkraftreten des Atomwaffenverbotsvertrages am 22.1.2021

Foto: K. Peil

Ebenso wie an vielen anderen Orten in Deutschland wurde auch in Frankfurt a.M. von der örtlichen Friedensbewegung das Inkrafttreten des Atomwaffenverbotsvertrages (AVV) gewürdigt. Eine kurzfristig angesetzte Kundgebung erfolgte hier vor dem Otto-Hahn-Denkmal. An diesem Standort befand sich das Geburtshaus von Otto Hahn, der 1938 die Kernspaltung entdeckte. Otto Hahn war es auch, der - nachdem er 1945 von der Entwicklung und dem Einsatz der Atombombe erfuhr - sich entschieden gegen Atomwaffen engagierte, so 1957 als Mitinitiator des Göttinger Appells gegen eine deutsche Atombewaffnung. 1958 gehörte Otto Hahn zu den Teilnehmern einer Frankfurter Delegation, die als erste Hiroshima besuchten. Auf diese historische Bedeutung wies Gerd Bauz (DFG-VK) in seinem Beitrag hin.
Matthias Jochheim (IPPNW Frankfurt) erwähnte in seinem Redebeitrag, dass man für diesen Anlass all diejenigen Konsulate in Frankfurt angeschrieben habe, die den AVV bereits ratifiziert hätten und nannte dazu erste positive Rückmeldungen. KP
siehe auch: Bericht in der FR (online und Druckausgabe)

 

 

40 Jahre Krefelder Appell

Veranstaltung am Sonntag den 15.11.2020 im Frankfurter Gewerkschaftshaus

Foto: K. Peil

Redebeitrag von Silvia Gingold 

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Redebeitrag von Werner Ruf

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Redebeitrag von Kathrin Vogler

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PDF-Logo.jpg40 Jahre Krefelder Appell - Friedensbewegung vor großen Herausforderungen



 

 

 

 

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