Redebeitrag zum Hiroshima- und Nagasaki-Gedenktag in Frankfurt a.M. am 8.8.26
von Anthony für den Studierendenverband SDS
Liebe Friedensfreunde,
81 Jahre sind vergangen seit der sinnlosen Ermordung von bis zu 200.000 Menschen durch die beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Mit diesen Einsätzen hat sich die Frage von Krieg und Frieden grundlegend gewandelt. Zum ersten Mal hatte die Menschheit die Fähigkeit erlangt, sich im Rahmen einer kriegerischen Auseinandersetzung in ihrer Gesamtheit selbst zu vernichten.
Als Konsequenz aus der Barbarei des Zweiten Weltkrieges wurden die Vereinten Nationen gegründet. Dies stand unter dem Vorzeichen des neu angebrochenen Atomzeitalters: Die allererste Resolution der UNO-Vollversammlung sah die Gründung einer Kommission vor, welche als Hauptaufgabe die nukleare Abrüstung voranbringen sollte. In der Diskussion hierzu wurde deutlich: Die Wissenschaft hatte die Kernenergie hervorgebracht, nun sollte sie diese in friedliche Bahnen lenken. Das entsprach ihrer Zielsetzung in der frisch verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Die Bildung muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen beitragen und für die Wahrung des Friedens förderlich sein.
Zur Rolle der Wissenschaft schrieb Einstein: “Unsere Waffen seien Waffen des Geistes, nicht Panzer und Geschosse. Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzen”
Dieses oberste Prinzip sollte nach ‘45 auch für die deutschen Hochschulen gelten, denn diese hatten den Faschismus mit Rüstungsforschung und pseudowissenschaftlicher Legitimierung von Massenmord entscheidend unterstützt. Auch im Uranprojekt, dem deutschen Vorhaben zur Entwicklung einer Atombombe, waren Hochschulen eng eingebunden. Aus diesen Gründen ist der Kampf um ein historisches Bewusstsein der eigenen Wissenschaft einer der wichtigsten Auseinandersetzungen um Konsequenzen aus der Rolle der Universität im Faschismus zu ziehen.
Die Alliierten erließen mit dieser Erfahrung die erste Zivilklausel – eine Verpflichtung zur zivilen Forschung und Lehre – an der TU Berlin. Heute gibt es mehr als 70 öffentliche Hochschulen, die sich dem zivilen und friedlichen Betrieb verschrieben haben. Dabei handelt es sich um Selbstverpflichtungen, die aus dem Lehrkörper und der Studierendenschaft heraus entwickelt wurden und den Friedenswillen der Hochschulangehörigen als Lehre aus dem deutschen Faschismus und zwei Weltkriegen zum Ausdruck bringen.
Als Max Horkheimer das Studierendenhaus am Campus Bockenheim eröffnete, tat er dies mit den Zielen die Studierenden demokratisch in den Wissenschaftsbetrieb einzubeziehen, andererseits ging es ihm auch um Persönlichkeitsbildung – also die Frage, wie eine Persönlichkeit eigentlich ausgebildet sein muss, damit sie Nein sagt zum Faschismus und nicht Ja, wie der größte Teil der deutschen Bevölkerung. Soll ein Studium zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen, braucht es Zeit für Universitätsangehörige, sich mit Lehrinhalten kritisch auseinanderzusetzen, sich politisch zu engagieren, und Geld, Wissen zu schaffen und zu vermitteln, das nicht auf dem Markt und Arbeitsmarkt verwertbar ist. Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle Kürzungsdrang der Universitäten, derdazu führt, dass Studierende und Lehrende noch mehr in die Prekarisierung und Abhängigkeit von Drittmitteln gedrängt werden, ein akuter Versuch die Bildung von mündigen und Widerständigen Studierenden aufzuhalten. Unser Gegenentwurf muss die Ausfinanzierung und Demokratisierung von Bildung und kritischer Lehre sein!
Dieser Friedenswille ist den Herrschenden, dem militärisch-industriellen Komplex, ein Dorn im Auge. Sie bemühen sich um einen strikt antidemokratischen top-down Ansatz – “wir sagen wo es langgeht und ihr, gesichts- und willenloser Pöbel, habt stramm zu stehen und zu folgen”.
In der öffentlichen Diskussion über die Zivilklauseln herrscht ein spannender Widerspruch: Einerseits könnten Zivilklauseln abgeschafft werden, weil sie ja nur Papiertiger seien und nichts bewirken würden. Andererseits müssten sie abgeschafft werden, weil sie real Rüstungs- und Kriegsforschung behindern! Es wird deutlich: Die Menschen sollen davon überzeugt werden, dass ihr Friedenswille wirkungslos sei, weil die Herrschenden ihn als klare Gefahr für ihre Kriegsvorbereitung sehen.
Diese reaktionäre Politik wird auf allen Ebenen bemüht: Das vermeintliche Friedensprojekt EU stellt ihr größtes Forschungsförderprogramm auf Dual-Use Forschung um, also für Projekte, deren Ergebnisse explizit sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden können. Auf Bundesebene in Deutschland wird Forschung und Raumfahrt in ein Ministerium gepfercht. Erinnerungen werden wach an das “Star-Wars-Programm” unter Reagan zur Militarisierung des Weltalls. Israel und die USA werden als Positivbeispiele für Forschungspolitik genannt.
Auch in Hessen wird seit längerer Zeit die Militarisierung der Wissenschaft geplant. Die Regierung versucht, mit der Neuregelung des Hessischen Hochschulgesetzes, die Zivilklauseln entweder bis zur Sinnentleerung umzudeuten, oder in Gänze abzuschaffen.
Doch die Studierendenschaft wehrt sich!
In Kassel hat das Präsidium versucht, die Zivilklausel so zu “erneuern” das sie militärische Forschung erlaubt. Dieser Plan fand hinter geschlossenen Türen statt und zielte darauf ab, Kassel zum größten Rüstungsstandort Europas zu machen.
Durch ihre schnelle Initiative haben die Studierenden es geschafft, diese Entscheidung vorläufig zu stoppen! Als nächstes planen sie eine studentische Urabstimmung, welche den Willen der Studierendenschaft zur Zivilklausel darstellt.
Doch unser Kampf ist kein Abwehrkampf. Unsere Pflicht ist es, das Erbe der Friedensbewegung zu vertiefen. Wir nehmen die Lehren unserer Vorgänger an. Die Proteste der „Campaign for Nuclear Disarmament” in Großbritannien im Jahr 1959 und das Russell-Einstein-Manifest von 1955 haben uns zwei Dinge gelehrt: dass die Friedensbewegung international sein muss und dass die Wissenschaft nicht nur das Potenzial, sondern auch die Pflicht hat, eine bessere Welt zu schaffen. Eine gerechtere Gesellschaft, in der Frieden, Solidarität und Wohlstand Krieg, Konkurrenz und Hunger ersetzen!
Deshalb müssen wir an diesem Tag nicht nur an die Schrecken erinnern, die Atomwaffen über die Menschheit gebracht haben, sondern vor allem unser Bewusstsein dafür schärfen, dass wir als Gesellschaft in der Lage sind, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Es reicht nicht aus, den Krieg abzulehnen. Wir müssen klar sagen, welche Gesellschaft wir wollen.
Als Studierendenverband kämpfen wir für eine demokratische Wissenschaft. Eine Wissenschaft im Dienste der Verwirklichung der Menschenrechte. Eine Wissenschaft, die zur Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen beiträgt. Wir sind uns bewusst, dass es an uns liegt, dies zu erreichen, nicht an der Wohltätigkeit oder dem guten Willen unserer Herrschenden. Die Geschichte mahnt uns nicht nur – sie gibt uns die konkrete Aufgabe, eine Welt ohne Atomwaffen und Krieg zu gestalten. Fundamentaler Bestandteil einer solchen Welt ist die demokratische und humanistische Wissenschaft und Bildung. Wissenschaft im Interesse der Allgemeinheit zur Lösung der drängenden Menschheitsprobleme. Eine solche Wissenschaft kann nur erfolgreich sein, wenn wir wissenschaftliche Kooperationen als Mittel der Wissensverständigung und Völkerfreundschaft aufbauen.
Denn Krieg und Krise sind nicht alternativlos. Alternativlos ist vielmehr die Anerkennung, dass wir als Menschheit auf das friedliche Zusammenleben und die gemeinsame Kooperation zur Bewältigung der großen ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen angewiesen sind.
Die Notwendigkeit der umfassenden und tiefgreifenden Humanisierung der Verhältnisse ist unbestreitbar. Und die Ressourcen sind da: Kein Mensch müsste heute mehr in Hunger, Durst, Armut und Krankheit leben. Genauso wenig müsste heute irgendjemand unter der permanenten Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen leben.
Es kommt auf uns an, diese Tatsachen zur Realität zu machen! Auf uns kommt es an, die Errungenschaften von ‘45 zur Geltung zu bringen: Das Gewaltverbot der UN-Charta, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die unantastbare Würde des Menschen, das Recht auf Bildung für alle!
Aus dieser historischen Verantwortung lassen sich schon jetzt manche Aufgaben formulieren: Deutschland muss dem Atomwaffenverbotsvertrag von 2021 beitreten, alle Atombomben müssen vom deutschem Boden verschwinden, alle U.S. Militärbasen geschlossen werden und Deutschland muss raus aus der NATO!
