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Zum Tode von Ellen Weber: Trauerrede und -anzeige

22.10.202623.10.2026

 

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  • Redetext von Doris Fisch bei Trauerfeier am 20.10.26
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Redetext von Doris Fisch bei Trauerfeier am 20.10.26

2026-10-20_Rede-Ellen

Redetext von Rudi Hechler bei Trauerfeier am 20.10.26

Ich komme aus Mörfelden-Walldorf.
Meine Generation sah noch den flammenden Himmel – wenn die Städte verbrannten – über Zehntausend Tote in einer Nacht in Darmstadt.
Der deutsche Faschismus hatte die Welt mit Feuer überzogen – nun schlugen die Flammen zurück.
Ich höre noch die Schreie der Mütter und Ehefrauen – wenn die Gefallenmeldungen ausgetragen wurden.
Wir sahen noch die Krüppel die mit einem Bein, mit einer Hand und leerem Blick die nach Hause kamen.
Auch die Ausgemerkelten, die oft mehrere Konzentrationlager überlebt hatten, kehrten zurück – wir trafen Peter Gingold, Emil Carlebach, Hans Heisel, Wilhelm Hammann, Hans Schwert, Otto Roth und viele andere.
Lernten von ihnen.
Nach 1945 sangen wir bei den Naturfreunden:
“Wir sind die Jungen, die unruhevollen, denen das Leben verlockend winkt.“
Hitler tot – Krieg vorbei – Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!
Wir hatten Hoffnung!
In dieser Zeit lernten wir Ellen kennen.
Ein junges Mädchen – aber sie brannte – war voll mit Zorn – unterstützte uns.
Damals rezitierten wir in unserem Singkreis den Text von Walter Dehmel:

Ist das alles schon wieder vergessen
Wie sie aus schützenden Hinterhalten Andersdenkende niederknallten?
Wie sie die braunen Verbände formierten Und welche Kreise sie finanzierten?
Wie sie protzten mit Orden und Tressen – Ist das alles schon wieder vergessen?
Ist das alles schon wieder vergessen
Wie sie die Juden zu Tode hetzten
Und die Erde mit Blut benetzten?
Wie sie bewusst den Kriegsbrand schürten
Und die Jugend aufs Schlachtfeld führten
And‘re Völker auszupressen – Ist das alles schon wieder vergessen?
Ist das alles schon wieder vergessen

Wir waren voll Zorn und Trotz und zogen unser FDJ-Blauhemden an – aber schon wurde die FDJ verboten . . .
Wir demonstrierten in Essen – hörten die Schüsse -sahen den toten Genossen Phillipp Müller.
Es war der 11. Mai 1952 .
Lehrjahre!
Wir wollten mehr wissen – Ellen half uns.
Ihr Vater Otto Weispfennig half dabei. Er besorgte Theaterkarten.
Harry Buckwitz wurde Generalintendant der Städtischen Bühnen in Frankfurt. Insgesamt 15 Brecht-Inszenierungen kamen auf die Bühne.
Die CDU schäumte Außenminister Brentano verglich Brecht mit einem SA-Mann – die Junge Union demonstrierte vor dem Theater.
Was für eine Zeit – Ellen mittendrin – diskutierte überzeugte – unvergessen: als sie während einer Aufführung der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ laut und deutlich mehrmals Bravo rief!
So wurden wir stark – im Kopf und im Herz!
Was für Erinnerungen!
Ellen empfahl mir – alles über Heinrich Heine zu lesen.
Bei einem Besuch mit Überlebenden des KZ-Außenlagers Walldorf in Paris – stehe ich mit den Frauen am Heine-Grab.
Mein Lieblingsgedicht ist dort in den Stein eingeschlagen:

Wo wird einst des Wandermüden
Letzte Ruhestätte sein? Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd ich wo in einer Wüste Eingescharrt von fremder Hand? Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?
Immerhin! Mich wird umgeben Gotteshimmel,
dort wie hier,
Und als Totenlampen schweben Nachts die Sterne über mir

Ellen hat es sehr gefallen, als ich ihr davon erzählte – meine „Freidenker-Bemerkung „Gottes Himmel“ hat sie sofort zurückgewiesen.
Erinnern kann ich ich auch, wie sie auf den Satz bei William Shakespeare gestossen war:

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden?
Sie hat die Hamlet-Satz so oft zitiert!

Ellen war belesen – noch in ihrer letzten Zeit lag die FAZ auf ihrem Tisch im Pflegehein – säuberlich waren die für sie wichtigen Sachen rot unterstrichen.
…und sie liebte es, wenn in Reden und Artikeln auch Literatur auftauchte.
So gefielen ihr dann auch unsere Vorführungen und Auftritte – hier muss man Namen von Helfern nennen:
Ohne die Genossen Georg Paulus, Heinz Hechler, Heiner Halberstadt und natürlich auch unsere unvergessenen: Ruth und Willi Malkomes u.a. wäre vieles nicht so gelungen, dass es noch heute bedeutsam und aktuell ist.
Ellen war kritische Begleiterin – in der Zeit als die KPD verboten war und diese Kulturarbeit eine große Bedeutung hatte.
Immer wieder zitierte sie Goethe:

Geh, gehorche meinen Winken,
Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein:
Auf des Glückes großer Waage
Steht die Zunge selten ein;
Du musst steigen oder sinken,
Du musst herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboss oder Hammer sein.

…und das Friedenslied – wir sangen es nach dem Krieg – hat ihr sehr gefallen.
Der Text schrieb der östereichische Kommunist Ernst Fischer und wurde Hanns Eisler (1949) vertont.

Der Blitz schlägt ein, und der Regen fällt,
und der Wind hat die Wolke gebracht,
doch den Krieg trägt nicht der Wind in die Welt,
den Krieg haben Menschen gemacht.
Es dampft die Erde im Frühlingsrausch,
und der Himmel wird hoch und still,
doch der Friede grünt nicht wie das Gras und der Strauch,
er blüht, wenn der Mensch es will.
Völker, ihr selbst seid das Schicksal der Welt, eurer Kraft werdet eingedenk.
Der Krieg ist kein Gesetz der Natur, und der Friede ist kein Geschenk.
…….
Und wenige sind’s, die haben den Stahl,
und es lohnt sich für sie nicht der Pflug,
Und den wenigen wird die Erde zu schmal,
und nichts ist ihnen genug.
Sie zählen die Menschen,
sie zählen das Geld,
und Krieg ist die letzte Bilanz.
Die wenigen sind zuviel auf der Welt.
Macht Schluss mit dem Totentanz!
Mutter, es geht um dein eigen Kind,
wehr dich und lass es nicht zu,
und ob wir Millionen mächtiger sind
als der Krieg, das entscheidest du.
Und das ist jedermanns großer Entscheid
und sagen wir alle: Nein!
Dann wird der Krieg die Vergangenheit
und der Frieden die Zukunft sein.

Traueranzeige

Die nachfolgende Traueranzeige erschien am 17.10. in den Ausgaben der Rhein-Main-Media, u.a. in FR, FNP, FAZ, Offenbach Post, Hanauer Anzeiger.

2026-10-17_RMM_Traueranzeige_EllenWeber

Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt
Erich Fried

Dr. Ellen Weber

22.4.1930 – 03.10.2026

Am 3.10. ist Ellen für immer eingeschlafen. Ein kämpferisches kommunistisches Leben ging zu Ende, aber seine Spuren werden bleiben. Ellens politischer Antrieb war der Kampf gegen soziale Ungleichheit, für Frieden, für ein Leben ohne Ausbeutung und Unterdrückung überall auf der Welt. Dafür wirkte sie in der KPD, die 1956 verboten wurde, obwohl viele ihrer Mitglieder in den vordersten Reihen im Kampf gegen den Faschismus gestanden hatten, dann in der Deutschen Friedensunion, später im Parteivorstand der DKP. Sie stellte sich gegen Wasserwerfer auf der Startbahn West, arbeitete als Sozialarbeiterin im Frauenhaus und bei der Flüchtlingshilfe, aber auch als Arbeiterin am Fließband und als Betriebsrätin. Als Jugendliche spielte sie außerdem in einer Theatergruppe und blieb den Klassikern der deutschen Dichtung ein Leben lang treu. Ellen war eine großzügige Gastgeberin in ihrer Wohnung in der Rhön, und immer eine angenehme, reflektierte Gesprächspartnerin. Die großen politischen Kämpfe gegen Wiederaufrüstung, Notstandsgesetze, das Erstarken der Friedensbewegung in den 80er Jahren hat sie mitgeprägt, die Überlegungen über die Zukunft einer friedlichen Welt haben sie bis zuletzt nicht losgelassen.
Sie wird uns fehlen.

Die Trauerfeier findet am Dienstag, 20. Oktober.2026 um 12.45 Uhr auf dem Friedhof Westhausen, Kollwitzstraße 27, 60488 Frankfurt am Main statt.

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